Mi
07
Nov
2012
Kollege und Freund Marco Mehring spricht wahre Worte.
"Keine Gage - aber garantiert Tape", verspricht das Jobangebot.
Seine Antwort: "Fuck, wieder die Axt auf dem Nachttisch liegen lassen!"
Ich habe mir selbst schon für "Job"-Ausschreibungen dieser Art ein ganzes (verbales) Waffenlager zugelegt.
Es ist doch immer wieder erschreckend, wie wir Schauspieler und Künstler uns unter Wert verscherbeln. Eigentlich dürfte man diese "Keine Gage, aber garantiert Tape und Catering"-Angebote nicht
annehmen.
Doch wie sonst kommt man zügig an Demomaterial?
Die Caster wollen Videos, am besten aktuelles Material, aber ohne zu drehen kommt man eben nicht an das gewünschte Filmchen. Und um drehen zu können, soll man erstmal umsonst - unter of ziemlich
schrecklichen Bedingungen - vor der Kamera stehen?!
Manchem Jungfilmemacher tut man natürlich unrecht. Man darf sie nicht alle über einen Kamm scheren (Habe selbst schon ein, zwei Mal wirklich tolle Erfahrungen gemacht). Trotzdem kann das nicht
angehen, dass der Markt sich weiter in diese "Low / No"-Budget-Richtung entwickelt.
OK, ein kleines Zugeständnis mache ich den Hobbyfilmern und Filmstudenten schon. Klar, sie haben kein Geld und können nichts zahlen. Solange sie das Tape auch wirklich in einer annehmbaren
Qualität liefern (und nicht erst nach monatelanger Hinhalterei, mit x-maligem Nachfragen), ist das in Ordnung.
Nur leider neigen auch die "großen Filmemacher", sei es Privatsender oder auch Öffentlich-Rechtlich zu dieser Masche.
"Keine Gage" gibt es dort Gott sei Dank noch nicht, aber wie oft hört man den Begriff "Tolle Rolle, leider zu Sondergage" oder "Wir können leider leider nicht mehr zahlen als Betrag XX", der
deutlich unter einer angemessenen Tagesgage liegt.
Und das Schlimmste: die Produktionen finden immer einen Schauspieler/eine Schauspielerin, die es für den Hungerlohn macht (oder sogar für noch weniger)... denn: es gibt dann immerhin das heissersehnte Tape, mit dem man dann hoffentlich an die ganz ganz großen Rollen kommt.
Von meiner nächsten Gage hol ich mir erstmal einen Schlagbohrer (für die ganz üblen Angebote) und einen Vorschlaghammer für mich selbst, falls ich mal wieder einen Dreh mit "tollem Team, gestelltem Catering und garantiert Tape, wenn auch leider leider keine Gage" annehmen sollte.
Mi
24
Okt
2012
Seit über einem Jahr bin ich in das Gewaltpräventionsprojekt "Geheimsache Igel" als Schauspieler involviert.
Das von Olaf Kräkte initialisierte Projekt richtet sich speziell an Kindergartenkinder und Grundschüler und soll ihnen vermitteln, in
bedrohlichen Situationen "Nein" zu sagen.
In der Praxis läuft das so ab: zwei Schauspieler spielen ein Stück über das Mädchen Krümel, deren Lieblingsfarbe gelb ist. Sie ist ein fröhliches Mädchen, das mit ihren beiden Freunden Igel und Wurzel lustige Spiele spielt.
Plötzlich verändert sich Krümels freundliche Welt: immer mehr Objekte verlieren ihre gelbe Farbe und werden blau. Das gipfelt in einem Gewaltalt, als plötzlich ihre einst gelbe Spielzeugkiste blau wird und sie auffordert, in sie hineinzusteigen, denn sonst mache die Kiste ihren Freund, den Igel, kaputt. Vor lauter Angst kommt Krümel der Aufforderung nach, und als sie wieder der Kiste ensteigt, sind auch ihre Schuhe blau. Einen Schuh kann sie ausziehen, der andere bleibt sogar am Ende an ihrem Fuß haften. Ihr Freund Wurzel hilft ihr schließlich und bringt ihr bei, sich gegen die blaue Kiste zu wehren. Sie muss sagen: "Nein, ich mag das nicht".
Natürlich besiegt Krümel die blaue Kiste, indem sie sich verbal wehrt und Mut aufbringt.
Die Kinder begreifen das Prinzip sehr schnell, und am Ende schreien die Kleinen zusammen mit uns Schauspielern im Training lauthals "Nein, ich mag das nicht!".
Immer wieder bekommen wir Geschichten von Lehrern und Erziehern zu hören, die mir unter die Haut gehen. Die Dunkelziffer der Gewaltakte innerhalb von Familien ist enorm hoch.
Am Mittwoch, 17.10. war ich mit meiner Kollegin Susanne Bloß im Raum Regensburg unterwegs und habe in zwei Einrichtungen das Stück gespielt.
Knapp eine Woche später bekommen wir aus Regensburg folgende eMail weitergeleitet.
Anbei zur Info ein Beitrag eines lokalen Radiosenders (RT1) aus unserer Region.
Eine leider schöne Bestätigung unseres Projektes.
Tapfheim: Unbekannter spricht 9-Jährigen an.
In Tapfheim ist ein Junge von einem Unbekannten angesprochen worden. Nach Angaben der Polizei ereignete sich der Vorfall bereits am Mittwochabend gegen 18:30 Uhr. Der 9-Jährige war mit seinem Rad
auf dem Weg nach Hause, als der Unbekannte ihn auf Höhe des Feuerwehrhauses aus dem Auto heraus ansprach. Der Mann wollte wissen, wo der Junge wohnt und bat ihm an, ihn nach Hause zu fahren. Da
der 9-Jährige in der Schule an einem Verhaltenstraining teilgenommen hatte, schrie er den Mann mit „Nein" an und fuhr weiter. Der Unbekannte war circa 30 Jahre alt und mit einem roten Pkw
mittlerer Größe unterwegs.
Eine schöne, wenn auch krasse Bestätigung dafür, dass das Projekt immens wichtig ist und funktioniert.
"Geheimsache Igel" hat mir vor knapp eineinhalb Jahren die Augen (wieder) geöffnet und meinen - theatralen - Horizont erweitert. Das Theater hat eine Kraft und Funktion, das wird immer wieder
vergessen.